FLAG-Emissionen

Wie werden FLAG-Emissionen berechnet und wie werden diese in einer CO2-Bilanz korrekt ausgewiesen?

FLAG-Emissionen
Kategorie
Net Zero
Letztes Update
2/4/2025

Was sind FLAG-Emissionen und wie werden sie berechnet?

Die globale Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Landnutzung tragen mit rund 25 % zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei – und damit fast genauso viel wie der gesamte Industriesektor. Sogenannte FLAG-Emissionen (FLAG steht für: Forest, Land and Agriculture) sind eine oft unterschätzte Emissionsquelle. Wer als Unternehmen also glaubwürdig Emissionen reduzieren und wissenschaftsbasierte Klimaziele definieren will (SBT), muss FLAG-Emissionen in die eigene CO2-Bilanz berücksichtigen.

Was genau sind FLAG-Emissionen?

FLAG-Emissionen sind alle Treibhausgasemissionen, die durch Landnutzung, Landnutzungsänderungen, Forstwirtschaft und landwirtschaftliche Tätigkeiten entstehen. Sie umfassen sowohl biogene als auch anthropogene Emissionen – also Emissionen, die etwa durch natürliche Prozesse wie die Verdauung von Rindern oder durch menschliche Eingriffe wie Abholzung ausgelöst werden.

Zu den typischen Quellen von FLAG-Emissionen zählen:

Kohlendioxid (CO2):

  • durch Entwaldung, Landnutzungsänderung, Brandrodung

Methan (CH4):

  • durch enterische Fermentation bei Wiederkäuern (z. B. Rinder)
  • durch Reisanbau

Distickstoffoxid (N2O):

  • durch Düngemitteleinsatz
  • durch Güllewirtschaft

Diese Emissionen entstehen in vielen Branchen und Sektoren – von der Lebensmittelproduktion über den Textilsektor bis hin zu Verpackungen und der Bauwirtschaft. Besonders relevant sind FLAG-Emissionen immer dann, wenn grosse Landflächen bewirtschaftet werden oder Rohstoffe aus landwirtschaftlicher Produktion stammen. Branchen mit Relevanz für den FLAG-Sektor können unter anderem folgende sein: Landwirtschaft und Lebensmittel, Forstwirtschaft und Holzverarbeitung, Mode- und Textilindustrie, Einzelhandel mit grossen Frischeabteilungen, Kosmetik und Körperpflege, Bau- und Rohstoffindustrie.

Unternehmen müssen FLAG-Ziel wenn:

  • diese in einem FLAG-relevanten Sektor tätig sind
  • FLAG-Emissionen mehr als 20 % der gesamten CO2-Bilanz ausmachen (Scope 1, Scope 2, Scope 3)

Wie werden FLAG-Emissionen berechnet?

Die Berechnung basiert auf den Methoden der Lebenszyklusanalyse (LCA). Hier wird die gesamte Wertschöpfungskette betrachtet – vom Feld bis zum sogenannten „Hoftor“. Danach gelten die Emissionen als „Non-FLAG“ (etwa Verarbeitung, Vertrieb etc.).

Datengrundlage und Tools

  • Datenbanken wie Agri-footprint, Agribalyse, Ecoinvent, WFLDB
  • Satellitendaten für Landnutzungsänderungen
  • Primärdaten von Lieferanten: z. B. Bodenart, Anbaumethoden, Nutzungshistorie

Drei Ebenen der Datenerhebung für Landnutzungsänderung

  1. Globale Emissionsfaktoren (wenig genau)
  2. Regionale oder nationale Daten (z. B. Herkunftsregionen bekannt)
  3. Betriebsgenaue Daten (direkter Kontakt mit Landwirt/Betrieb, sehr genau)

Wie erscheinen FLAG-Emissionen in der CO2-Bilanz?

Die Science Based Targets initiative (SBTi) fordert eine Trennung zwischen FLAG- und Non-FLAG-Emissionen. Unternehmen müssen ihr gesamtes THG-Inventar aufspalten:

  • FLAG-Inventar Enthält CO2, CH4 und N2O aus Landnutzung und Landwirtschaft sowie mögliche Entfernungen (Carbon Removals) wie z. B. Aufforstung.
  • Non-FLAG-Inventar Enthält alle anderen Emissionen (z. B. Energie, Transport, Produktion, IT-Infrastruktur).

Pflicht zur Zielsetzung

Wenn FLAG-Emissionen mehr als 20 % der Gesamtbilanz ausmachen, ist das Unternehmen verpflichtet, ein separates FLAG-Ziel (FLAG-SBT) zu setzen.

CO2-Bindung: Auch das gehört zu FLAG

FLAG umfasst nicht nur Emissionen, sondern auch mögliche CO2-Senken – also Prozesse, die Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu klassischen CO2-Bilanzen.

Beispiele für Carbon Removals im FLAG-Bereich:

  • Aufforstung oder Wiederaufforstung
  • Agroforstwirtschaft (z. B. Bäume zwischen Ackerflächen)
  • Bodenverbesserung und Humusaufbau
  • Hecken und permanente Begrünung

Removals dürfen nur im FLAG-Inventar berücksichtigt werden und nicht als Kompensation bei nicht FLAG-Emissionen angerechnet werden. Verkauft das Unternehmen eigene carbon credits, dürfen diese nicht bilanziert werden, da eine Doppelzählung stattfinden würde.

Praxisbeispiel Modeunternehmen

Ein Modeunternehmen bezieht grosse Mengen Baumwolle, Leder und Wolle aus der Landwirtschaft:

  • Eine Analyse zeigt: Rund 25 % der Gesamtemissionen stammen aus dem FLAG-Bereich (Landwirtschaft, Boden, Tiere).
  • Das Unternehmen ist damit verpflichtet, ein separates FLAG-SBT zu setzen.
  • Nächste Schritte:
    • Berechnung der FLAG-Emissionen pro Produktkategorie (z. B. T-Shirts, Lederjacken)
    • Analyse von Herkunft, Emissionsfaktoren, Anbaumethoden
    • Definition von Maßnahmen zur Emissionsreduktion (z. B. auf Bio-Baumwolle oder regenerative Landwirtschaft umstellen)
    • Öffentliches Null-Entwaldungsziel veröffentlichen (spätestens 2025)

Praxisbeispiel Getränkehersteller

Mögliche FLAG-Emissionen nach Rohstoffkategorie

Rohstoff
Mögliche FLAG-Emissionen
Früchte (z. B. Äpfel, Orangen)
Düngemitteleinsatz (N2O), Bewässerung, Pestizideinsatz, Bodenbearbeitung, ggf. Entwaldung
Zucker (z. B. Rohr- oder Rübenzucker)
Düngung, Bodenbearbeitung, Landnutzungsänderung, Wassernutzung
Getreide (für Bier)
N₂O durch Stickstoffdünger, Bodenbearbeitung, CO2 aus Landumwandlung
Milch (für Milchgetränke)
CH4 aus Verdauung, Güllemanagement, Futtermittelanbau (mit eigenen FLAG-Emissionen)
Palmöl (z. B. in Emulgatoren)
CO2 durch Entwaldung, Torfabbau, Methanemissionen aus Abwasserbehandlung

Welche Daten müssen gesammelt werden?

Um FLAG-Emissionen korrekt zu berechnen, braucht man produktbezogene, lieferkettenspezifische Daten. Hier ein Überblick:

Allgemeine Informationen pro Rohstoff:

  • Menge des eingesetzten Rohstoffs (in kg oder Tonnen pro Jahr)
  • Herkunft des Rohstoffs (Land, ggf. Region oder Farm)
  • Anbauart (konventionell, bio, regenerativ)
  • Verarbeitungsschritt vor der Anlieferung (z. B. frisch, getrocknet, gepresst)

FLAG-spezifische Daten pro Rohstoff

  • Art und Menge eingesetzter Düngemittel (N, P, K – speziell N wegen N2O)
  • Informationen zur Bodenbearbeitung (z. B. Pflügen, Mulchen)
  • Wassermanagement (z. B. Bewässerungssysteme)
  • Verwendung von Pestiziden und Herbiziden
  • Erträge pro Hektar (zur Berechnung je Tonne)
  • Emissionen aus Transporten bis zum Werkstor (wenn inbegriffen)

Zusätzlich für tierische Produkte

  • Art der Tierhaltung (intensiv/extensiv)
  • Methanemissionen aus enterischer Fermentation (z. B. bei Milchkühen)
  • Güllemanagementsystem (z. B. Lagerung offen/geschlossen)
  • Herkunft und Emissionen des Tierfutters (häufig Soja → Entwaldung!)

Wie werden die Daten genutzt?

Die gesammelten Daten werden in ein Emissionsmodell eingespeist, z. B.:

  • durch Anwendung von Emissionsfaktoren aus Datenbanken (z. B. Agri-footprint, Ecoinvent)

Die Ergebnisse können dann wie folgt strukturiert werden:

  • FLAG-Emissionen pro Produktkategorie (z. B. Fruchtsaft, Limonade, Bier)
  • Gesamte FLAG-Emissionen des Unternehmens
  • Vergleich mit Scope 1–3: → Wird die 20%-Schwelle erreicht?

Beispiel: Apfelsaftproduzent

Ein Unternehmen stellt Apfelsaft aus konventionellen Äpfeln her, die aus Südtirol bezogen werden.

FLAG-relevante Emissionen:

  • N2O aus Stickstoffdüngung der Apfelplantagen
  • CO2 aus der Bodenbearbeitung
  • ggf. CH4 aus Biomasseverrottung (Schnittgut)
  • Wasserverbrauch für Bewässerung (indirekte Umweltwirkung)

Datensammlung:

  • Apfelmenge (z. B. 10’000 t pro Jahr)
  • Herkunft: Südtirol
  • Durchschnittliche Düngemittelmenge pro Hektar
  • Ertrag pro Hektar (z. B. 40 t/ha)
  • Informationen vom Lieferanten zu Pestizideinsatz, Bewässerung, CO2-Bilanz der Plantage
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